Wenn man sich mit römischer Geschichte auseinandersetzt kommt man früher oder später auch mit Kaiser Caligula in Kontakt, der sich vor allem durch Cäsarenwahn einen Namen gemacht hat. Und da es über jeden größeren Verrückten einen Film gibt, gibt es auch über diesen Mann einen solchen.

Erwartungshaltung

Wann immer ich mit Freunden über Caligula diskutierte kamen wir sehr schnell auf diesen Film zu sprechen. Fast erschien es mir, als würden die meisten von uns, diesen römischen Kaiser nur aus eben diesen Spielfilm kennen. Und meistens klang es so, als würde man diesen Kaiser für ein Sexmonster halten. So wurde ich langsam neugierig wie man in diesem Film den legendären Größenwahn des Caligula umgesetzt hatte und was es mit den angeblich so pornographischen Szenen auf sich hat.

Handlung

Die Handlung des Filmes ist rasch erzählt, den der Film besteht fast nur aus Nacktszenen und einigen Gräuelszenen. Nach dem Tod von Kaiser Tiberius übernimmt Caligula die Führung im römischen Reich. Er beginnt sofort eine Schreckensherrschaft, während der viele Menschen in seinem Umkreis ihren Kopf verlieren.

Zuerst ist es nur der Prätorianerpräfekt Marco, der für ihn Kaiser Tiberius ermordete. Später fallen ihm auch Senatoren zu Opfer oder auch eben mal der Mann einer Frau, die er begehrt. Dabei lässt sich Caligula vor allem von seiner Lust am Sex und von seiner Gier nach Geld leiten.

Das dekadente Rom duckt sich unter seiner Gewaltherrschaft und nimmt statt dessen an den von ihm reichlich veranstalteten Orgien teil. Militärisch ist Caligula eine Null. In seinem Cäsarenwahn lässt er die Legionäre gegen eine imaginäre Schilfarmee antreten, nach deren Niederschlagung er behauptet, er hätte Britannien erobert.

In seiner sexuellen Verwirrung hält er auch vom Bett seiner Schwester nicht ein, wobei ich sagen muss, in seiner Trauer um seine später verstorbene Schwester hatte er noch seine sympathischten Züge.

Als er die Frauen der Senatoren zur Prostitution zwingt und sein Wahnsinn immer offensichtlicher wird, greifen seine Soldaten zur Waffe und er stirbt unter den Hieben des Prätorianerpräfekten Cherea.

Erlebnis

Der Film ist leider kein Erlebnis. Wer etwas von der römischen Glorie erleben möchte, wird sie hier nicht finden. Wer durch Erzählungen über schwelgende Pornographie neugierig geworden ist, wird auch diese nicht befriedigend finden. Die Erotik blieb für mich unbefriedigend, den der Regisseur hat die Körper der dekadenten Römer derartig unerotisch angeordnet, dass keine Lust in mir hochkommen wollte.

Fast der ganze Film spielte in irgendwelchen schlecht ausgeleuchteten Räumen mit vielen Elementen, die vom wesentlichen ablenkten. Die Orgien wirkten auf mich sehr bemüht.

Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es gar nicht so leicht ist, eine Orgie zu filmen. So etwas entsteht aus einer Stimmung heraus und lässt sich wohl nicht anordnen. Ausgelassene Studentenbesäufnisse um 04:00 morgens sind wahrscheinlich orgiastischer als diese arrangierten Gruppenbilder auf römischen Marmor.

Die oft zitierten Gewaltszenen empfand ich nicht mehr als so arg. Ich denke, die Gewalt triefte von Unmoral, aber war nur halb so blutig wie unsere gegenwärtigen Filme.

Allerdings habe ich die TV Fassung des Filmes gesehen, ich habe keine Ahnung was in dieser raus geschnitten wurde. Scheinbar gehts in der ungeschnittenen Fassung noch ein Stück heftiger zu.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich den Film fast wie ein Theaterstück erlebt habe, das meiste war so unwirklich, dass es eben mehr einem phantastischen Theaterstück ähnelte als einem Actionfilm.

Historisches

Der Film hielt sich trotz dem großen Maß an Schwachsinn in etwa an historischen Vorlagen. Um zu beweisen, dass viele Szenen eben nicht auf den Einfall eines Drehbuchautors zurück zu führen sind, führe ich sie hier mal an.

Kaiser Tiberius war in seinen letzten Jahren ein äußerst missmutiger Mensch, den die Welt hasste. Einen Teil seiner Regierungszeit verbrachte er in einer Grotte außerhalb von Rom.

Als Kaiser Tiberius eines natürlichen Todes starb, trat Caligula seine Nachfolge an. Caligula wurde wie im Film tatsächlich 'Stiefelchen' genannt, was ein Spitzname aus jener Zeit war, als er als Kind in zu großen Stiefeln in den Legionslagern am Rhein zwischen den Soldaten spazierte.

Heute nimmt man an, dass er während der Meuterei der römischen Legionen am Rhein traumatisiert wurde und vielleicht später an einer sehr schmerzvollen Krankheit litt. Seine Schlaflosigkeit wird im Film kurz erwähnt.

Tatsächlich hatte er eine inzestiöse Beziehung zu seiner Schwester Drusilla. Diese konnte er aber nicht lange ausleben, da seine Schwester schon in jungen Jahren starb.

Während Tiberius sehr sparsam war und ein großes Staatsvermögen hinterließ, gab es Caligula mit beiden Händen aus. Dadurch war er bald genötigt alle Geldquellen anzuzapfen. Dazu bediente er sich die Methode, reiche Leute kurzerhand zu köpfen und ihr Vermögen einzuziehen.

Die militärischen Maßnahmen Caligulas blieben eher im kleinen Rahmen. Verbürgt ist aber eine Geschichte, dass er einen Scheinfeldzug gegen die Germanen unternahm. Dabei wurden auch 'Gefangene' gemacht, die aber in Wirklichkeit dafür gedungene Sklaven waren.

Der finstere aber stets aufrecht wirkende Anführer der Prätorianer Marco könnte eine Anspielung auf den Prätorianerführer Seianus sein, der während der Regierungszeit von Tiberius tatsächlich hinter dem Rücken des Kaisers erfolgreich die Zügel in die Hand nahm. Im Film wird Tiberius mehrmals von diesem Prätorianerpräfekten gewarnt, in der Realität stirbt Seianus durch ein Gerichtsurteil bevor Caligula an die Macht kommt.

Im Film wird Caligula durch das Schwert des neuen Prätorianerpräfekten Cherea getötet, kurz nachdem er ihm die Parole 'Hodensack' (deutsche Synchronisation) ins Gesicht schleuderte.

Tatsächlich starb Caligula im Laufe einer Senatsverschwörung, bei der der echte Cherea den ersten Streich tat. Dieser Präfekt hatte lange mit der Tat gezögert, wurde aber durch Caligula immer wieder dadurch provoziert, dass der römische Kaiser ihm immer Parolen nannte, die man schlichtweg als obszön bezeichnen könnte.

Die letzte etwas verkrampft wirkende Szene ist ebenfalls historisch motiviert. Nach dem Tod Caligulas versucht der Senat die Macht an sich zu reißen, scheitert aber an der Unentschlossenheit der Mitglieder. In der Zwischenzeit rufen die Prätorianer den Onkel von Caligula zu ihrem neuen Kaiser aus. Dieser übernimmt dann tatsächlich die Macht und wird zu einem der fähigeren Kaiser in der römischen Geschichte.

Die Dekadenz des römischen Volkes ist meiner Meinung nach falsch wieder gegeben und darunter leidet auch der Film. Tatsächlich war die Stadtbevölkerung von Rom deutlich dekadenter als der Rest von Rom. Aber das kennt man ja auch heute noch, die in der 'Hauptstadt' sind alle nicht ganz dicht, so sagt es zumindest die Landbevölkerung.

Was mich stört, ist zu glauben, dass die Dekadenz sich nur in Sex und Alkoholgenuß äußert. Tatsächlich war die römische Gesellschat auch in ihrer Einstellung zur politischen Korrektheit und zur Arbeit etwas schräg eingestellt und daran scheiterte sie vermutlich auch.

Schauspieler

Trotz Unkenrufe von anderen Kritikern empfand ich die Schauspieler gar nicht mal so schlecht. Von Peter O'Toole war ich lediglich enttäuscht, dass er diese Rolle des Tiberius annahm. Wer ihn schon mal in der glänzenden Rolle des Laurence von Arabien gesehen hat oder in der Rolle des Titus in dem Römerfilm "Masada" sieht ihn nicht gern als dekadentes Schwein.

Malcom MacDowell als Caligula wurde voll seinem Ruf gerecht, den er sich schon durch die Vergewaltigungsszenen in Clockwork Orange bei mir erworben hatte. Ich glaube nicht, dass es einfach ist, einen Irren zu spielen und so fand ich ihn ganz ok.

Teresa Ann Savoy als Drusilla gefiel mir nicht nur wegen ihrer stillen Schönheit, sie spielte auch überzeugend den vernünftigen Teil in der Familie Caligulas.

An John Gielgud in der Rolle des bedächtigen Nerva schätzte ich, dass er auch in diesem Schmuddelfilm eine würdige Gestalt bildete. Er behielt eine Würde, die ich zum Beispiel bei Peter O'Toole vergeblich suchte.

Die anderen Schauspieler sagten mir namentlich nichts. Besonders hervorheben möchte ich nur jenen Schauspieler, der den für die Finanzen zuständigen Longinus spielte. Mit seiner eigenwillige Frisur auf dem ansonsten glatt rasierten Schädel sah er für mich wie ein wandelndes Sparschwein aus.

Als Schauspieler kam er samt Leidensgenosse Cherea gut rüber. Sie verkörperte das, was ich auch in Büros unser heutigen Firmenimperien tagtäglich erlebe. Sie wissen das der Boss nicht okay ist, aber sie überspielen es in seiner Gegenwart geschickt.

Nicht ganz überzeugend so manche nackten Statisten, denen man förmlich ansah, wie sie auf Regieanweisung auf Tuchfühlung mit dem anderen Geschlecht gingen oder wie sie sichtlich frierend nackt in das Schilf rannten.

Leider sind es gerade diese unnötigen Nacktszenen die den guten Schauspielern die Schau stellen und den Film so schlecht wirken lassen.

Musik

Die Musik war in meinen Ohren das Beste an dem ganzen Film. Die Titelmelodie empfand ich als sehr griffig und erinnerte in etwa an die Größe und Bedeutung des römischen Reiches.

Ein immer wieder gespieltes Thema während des Filmes klang dann aber für mich wie die Titelmelodie der Filmserie "Die Onedin Linie" und ich frage mich seither, ob sie es nicht auch war.

Diese Melodie an sich empfand ich als Ohrwurm. Das Problem ist nur: Wer sie einmal zu den im Wind aufgeblähten Segeln eines Viermasters gehört hat, hält sie nicht so gut aus, wenn zu diesen edlen Tönen der größenwahnsinnige Kaiser seine soeben verstorbene Tochter durch den Palast trägt.

Hier war für meine Begriffe die Musik falsch ausgesucht.

Ausstattung

Bei der Ausstattung kam mir erstmals der Gedanke, dass es sich um einen billigen Film handeln müsse, obwohl angeblich soviel Geld dafür ausgegeben wurde. Der überwiegende Teil der Szenen wurde wohl in Studios gedreht, es gab meiner Erinnerung nach überhaupt nur eine wirkliche große Außenszene, als Caligula seine nackten Legionäre gegen die unsichtbaren Briten antreten ließ.

Die Bühnenbilder, und hier drängt sich mir wirklich ein Begriff aus der Theaterwelt auf, zeigten am Anfang eine Grotte und später hauptsächlich die Wohnräume des Caligula. Während die Grotte unecht wirkte, waren mir die Wohnräume zu modern. Und das Ereignis der öffentlichen Geburt der ersten Tochter Caligulas erinnerte mich von der Inszenierung her an die Bühne eines Rockkonzertes.

Resümee

Der Film ist weder vom historischen noch erotischen Gesichtspunkt sehenswert. Er vermittelte mir auch nicht das Gefühl etwas erlebt zu haben. Die wenigen stimmungsvollen und weisen Momente wurden durch unnötige Nacktszenen ins Nebensächliche gedrängt. Er war für meine Begriffe einfach nur ein Versuch möglichst viel Tabus zu brechen und er ist es überhaupt nicht wert, sich um ihn anzustellen, auf ihn zu warten oder ihn gar zu kaufen.

Travelwriter, Oktober 2003

Caligula
Italien 1979
Regie: Tinto Brass

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