In Österreich werden in den einzelnen Bundesländern im Abstand von ein bis zwei Jahren so genannte Landesausstellungen durchgeführt.
Dieses Jahr fand in meinem Bundesland Steiermark eine Landesausstellung über die Römer statt. Diese hatten ja um 15 v. Chr. das gesamte Gebiete des heutigen Österreichs südlich der Donau besetzt und für über 400 Jahre mit römischer Kultur geflutet. Und über genau diese Zeit wollte die Ausstellung berichten.
Nun, im Vorfeld gab es schon allerlei Gerüchte um die Ausstellung, die mich etwas beunruhigten. So wurde von sehr speziellen Gestaltungsmitteln gesprochen und von sehr wenig Substanz. Das hätte ich für mich natürlich als sehr schade empfunden, da ich mich doch sehr für die römische Geschichte interessierte.
So fuhr ich nun an einem schönen Herbsttag in die Ausstellung und harrte neugierig der Dinge. Leider war diesmal die Ausstellung gleich auf vier (!) Standorte verteilt. Das ist zwar gut für die Region aber schlecht für meine Füße. Die Idee, mit der Bahn zur Ausstellung zu fahren, musste ich gleich mal verwerfen. Die Ausstellungssorte lagen zu weit voneinander entfernt um es zu Fuß zu schaffen.
Schon der erste Ort lag leicht versteckt. Es handelte sich um das Schloss Retzhof, einem ehemaligen Edelhof aus dem 14. Jh. Nachdem ich über die Treppe in das erste Obergeschoß gelangte stand ich plötzlich von einer riesengroßen Karte mit den Grenzen des römischen Reiches. Der Karte vorgelagert war eine nicht mindergroße Lupe, die symbolisch ein kleines Municipium heraus zoomte: Flavia Solva.
Das war der bedeutendste Ort auf dem Boden meines Heimatlandes zur Zeit der Römer. Im nächsten Raum waren einige wenige echte Exponate zu sehen. Dabei handelte es sich in erster Linie um Büsten und Schmuck, auch ein Helm war dabei.
Die nächste Installation war technisch sehr aufwendig gestaltet, zeigte sie doch in einer Show, wie sich die Landschaft rund um Flavia Solva im Laufe der Jahrhunderte verändert hatte. So konnte ich sehen, wie die Wälder im Laufe der Jahre den jeweiligen Siedlungsgebiete wichen, oder wie die Kelten unter römischen Einfluss vom Frauenberg weiter runter an den Fluss zogen.
Ähnlich animiert ging es dann gleich weiter. In einem großen Raum war eine Art Miniarena aufgebaut, wo ich mich in das Kreisrund setzen konnte. Über meinem Kopf rotierten mehrere große TV Geräte, die Szenen aus dem berühmten Wagenrennen im Kinofilm „Ben Hur“ und einem modernen Autorennen zeigten. Dabei wurden die Bilder so abgestimmt, dass sich die Szenen ähnelten.
Es war also ein Versuch darzustellen, dort wie da, gab’s schon immer Leute die im Kreis fuhren. Die Idee dazu fand ich glänzend, allerdings fehlte mir hier Information. Wer vorher nichts über römische Wagenrennen wusste, wusste hinterher auch nicht mehr.
Im nächsten Raum kam für mich das Glanzstück unter den Objekten. Es wurde jene berühmte Tafel gezeigt, mit der ich Flavia Solva immer assoziierte. Flavia Solva hatte nämlich zur Römerzeit eine Feuerwehr! Das hatten andere Städte wohl auch, aber im Falle von Flavia Solva gibt es einen sehr schwer wiegenden Beweis (ca. 5 kg oder so). Auf einer Steintafel bestätigte der damalige Kaiser das Privileg, dass die lokalen freiwilligen Mitglieder der Feuerwehr weniger Steuer zahlen müssten. Geholfen hat es aber nichts, die Stadt brannte während der Völkerwanderungszeit komplett nieder…
Die nächsten Räume waren eher schlecht ausgedacht. In einem modernen Frisiersalon wurden antike Frisiergeräte gezeigt. Dabei erfuhr ich, dass die römische Gesellschaft ihre Haar- und Barttracht nach der Mode des Kaisers ausrichtete. Daran könnte was dran sein, so manche italienische Frauen trägt ja auch heute noch einen (Schnurr)bart.
Auch den Raum mit den Philosophen empfand ich als missglückt. Aus einer grünen Wiese ragten die Köpfe bekannter Philosophen heraus, die ihre Leitsätze auf Deutsch, Englisch und Slowenisch vortrugen. Allerdings hatte ich keine Zeit zu warten, bis alle Köpfe ihre Sprüchlein aufgesagt hatten. Hier fehlte mir auch klar die Botschaft.
Der Raum über die römischen Legionen war ähnlich wenig informativ, wenn auch gut gemacht. So waren die Wände mit einer ganzen Legion in Form von Zinnsoldaten geschmückt, und mein Blick an die Decke führte praktisch auf die Sohlen der Legionäre, die über mir zu stehen schienen. Ich war förmlich von Legionären eingekreist. So musste sich wohl der gallische Rebell Vercingetorix am Tage seiner Niederlage gefühlt haben.
Der nächste Raum war für mich der am Besten durchdachte Raum. Wie einige vielleicht wissen, gibt es in Rom die Trajanssäule. Auf dieser Säule sind von unten bis oben Reliefs angebracht, die die Siege der römischen Truppen während der Zeit des Kaisers Trajan darstellen. Diese Reliefs kann kein Tourist sehen, da sie ja hoch oben angebracht sind. In diesem Raum waren sie nun so platziert, dass ich förmlich zwischen ihnen durch gehen und jedes Detail genau in Augenschein nehmen konnte.
In diesem Raum blieb ich auch am Längsten, den es war schlichtweg faszinierend die ganzen in Stein gehauenen Informationen zu erspähen und zu verarbeiten. Da sah man schweres Belagerungsgerät, Truppen bei der Flußübersetzung, die Gefangennahme von feindlichen Anführern, usw.
In einem anderen Raum gab es noch eine interessante Simulation wie Rom mal ausgesehen haben könnte. Auch hier muss ich den Gestaltern ein Lob aussprechen. Die Simulation hatte Atmosphäre und ließ nicht das Gefühl aufkommen, lediglich Computerbilder zu sehen.
Auch interessant gelöst fand ich die Allee der Gräber, die darauf anspielte, dass die Gräber der Römer immer vor der Stadt entlang der Straße angeordnet waren. So ging ich also nach dem Verlassen des Schlosses Retzhof durch eine Art Halle wo ich links und rechts in Guckkästen die Bilder von besonders schönen Grabmälern betrachten konnte und über Lautssprecher Erklärungen eingespielt bekam.
Nach diesem positiven Ende im Schloss Retzhof setze ich mich in Richtung der ausgegrabenen Reste von Flavia Solva in Bewegung, die ich allerdings nur nach mehrminütiger Autofahrt erreichen konnte. Dazu muss man wissen, das die Stadt Flavia Solva mehr oder weniger unter der heutigen Stadt Wagna liegt. Man könnte sie ausgraben, tut es aber aus wirtschaftlichen und konservatorischen Gründen nicht. Ausgegrabene Mauern halten nicht so lange wie verschüttete.
Präsentiert wurde nur die Hälfte einer Insulae, so nannte man früher die römischen Häuserblocks. Die Reste empfand ich als völlig unspektakulär, da sie ja nur aus Mauersockeln bestand und den Resten einer Fußbodenheizung. Allerdings muss ich zugeben, das ich noch nie so genau erkennen konnte, wie eine solche Insulae strukturiert ist.
Über der Ausgrabung war ein Pavillon angebracht, in dem ich in Vitrinen allerlei über das römische Leben erfuhr. So gab es dort Schmuck, Werkzeug, Gläser und allerlei Geschirr zu sehen. Besonders sehenswert war für mich eine römische Kücheneinrichtung und eine gut 2000 Jahre alte noch bespielbare Flöte.
Die Kücheneinrichtung brachte mich auf die Idee was essen zu gehen. So fuhr ich auf das Schloss Seggau (wieder gut 10 Autominuten), wo nicht nur die Ausstellung weiterging sondern auch ein gutes steirisches Essen auf mich wartete.
Schloss Seggau liegt übrigens auf einem Berg und bevor ich mich in die Düsternis der Ausstellungsräume begab, sonnte ich mich für gut eine halbe Stunde bei wundervoller Aussicht auf die Sulm, den ein voller Magen lernt ohnehin nicht gerne dazu.
Dann ging es aber hinein in das Schloss. Auch dort dominierte die Verwendung von moderner Präsentationstechnologie. So marschierte ich durch eine Art Zeitmaschine, wo ich an Hand der Spielfilme erkennen konnte, wo ich mich gerade befand. Der letzte Spielfilm war mit Sophie Loren und hieß „Der Untergang des Römischen Reiches“. Aha, ich war angekommen…
In einem der folgenden Räume lief ich dann selbst gegen eine Spielfilmkamera, dort war eine moderne Küche mit römischem Esszimmer eingerichtet. Das Zimmer war sehenswert, die Bedeutung der Kamera zunächst unklar. Doch ein Film an der Wand klärte mich bald auf. Dort zeigte ein Koch wie man römische Küche zubereitet. Scheinbar wollte man dort auch was vorkochen, allerdings ruhten zum Zeitpunkt meines Besuches alle Kochtöpfe in ihren Schränken.
In einem der nächsten Räume wurde es wieder spannend und innovativ. Eine riesige Satellitenkarte von Europa zog sich so über Boden, Wand und Decke, dass sich Afrika am Boden, Mitteleuropa an der Wand und Skandinavien an der Decke befanden. In diesem Bild waren Lämpchen integriert, die abwechselnd als Linien aufleuchteten: Das Römische Straßennetz.
Die einzelnen Straßen leuchteten auf und dazu erklärte eine Stimme, um welche Straße es sich handelte und was dort bevorzugt transportiert wurde. Die Installation fand ich sehr gelungen! So wurde für mich moderne Technologie und Information optimal verknüpft!
Etwas blöder fand ich die Werbepausen (!) in den Erklärungen. Eine entschieden wirkende Stimme erklärte, egal was die Römer sich ausgedacht hätten, die Bank XY hätte es finanziert. Okay, so eine Ausstellung braucht Geld, aber muss man die Werbung so brutal platzieren?
Brutal war übrigens auch der Raum, wo etwas über die römische Medizin gezeigt wurde. Auf der einen Seite sah ich Ausschnitte von Medizinbüchern, auf der anderen Seite Filmaufnahmen von Operationen! Aber keine einfachen Sachen, da wurde wirklich hardcore geschnitten, geklemmt und genäht.
Dazwischen gab es Schaukästen, die ganz ohne Worte eine tolle Botschaft vermittelten. Auf der einen Seite lagen antike Instrumente, auf der gegenüberliegenden Seite moderne Instrumente (im Allgemeinen handelte es sich um chirurgisches Besteck). Dazwischen gab es fast keinen Unterschied! Besser hätte man nicht darstellen können, wie fortschrittlich die Römer schon waren.
Dafür entgleisten andere Darstellungen total. So wollte man wohl zeigen, wie ähnlich die liturgischen Gewänder der heutigen Kirchenfürsten noch den Gewändern der alten Römer sind. Eine Kontinuität von damals bis heute. Leider hat man das nicht wirklich gut rübergebracht. Über den Modepuppen mit den Gewändern lief eine Szene aus Fellinis „Roma“. Was die Puppen für Gewänder trugen weiß ich nicht mehr, weil natürlich wir alle „Roma“guckten.
Auch die Darstellung der Götterwelt der Römer war nicht so optimal. Zum einen wurden die Götter an die Decke gemalt, zum anderen wurden Elemente des heutigen christlichen Glaubens dargestellt. Die Idee an sich war gut, aber leider viel zu wenig informativ umgesetzt. Außerdem fehlte an der Decke die Göttin Minerva, die zur römischen Trias und damit zu den Hauptgöttern gehörte. Bei so viel Unglauben gegenüber den Göttern war für mich jetzt klar, warum dieses Jahr das Wetter während der ganzen Ausstellungszeit so schlecht war.
Informativer war schon eine Tafel wo man lesen konnte wie viel die reichsten Römer verdienten und wer das größte Vermögen hatte. Solche Informationen hätte ich mir in einem viel größeren Ausmaß gewünscht.
Aber weil ich gerade von der Götterwelt schrieb, es gab ja noch einen vierten Standort: Die Tempelanlagen am Frauenberg ganz in der Nähe. Vom Schloss Seggau marschierte ich nun zu Fuß rüber zum Frauenberg. Der Weg dorthin dauerte ca. 15 Minuten über einen zum Teil sehr steilen und glitschigen Weg. Dafür wurde ich oben mit einem herrlichen Blick auf das Schloss Seggau belohnt. Alleine deswegen hatte sich Aufstieg schon für mich gelohnt.
Die Ausstellung selbst bestand aus den Grundrissen der Tempel im Freigelände und einem Museum, dass direkt über dem so genannten Isis Tempel errichtet worden war. In der Schule hatten wir immer gelernt, dass es sich um einen Isis Tempel gehandelt hatte. Jetzt konnte ich im Lapidarium (= Steinesammlung) des Museums das erste Mal sehen, auf was sich diese Erkenntnis stützte. Es war ein Stein wo man das Wort Isis nur in seiner unteren Hälfte sehen konnte. Das war die einzige Spur! Auch eine Form der Erkenntnis…
Mit diesem neu gewonnenen Wissen trat ich also den Heimweg an. Für alle jene, die noch einen Besuch planen, anbei ein paar weiterführende Informationen.
Die Ausstellung war im Raum um die Ausgrabung der römischen Stadt Flavia Solva bei Wagna platziert. Erreicht hatte ich dieses Gebiet, indem ich von Graz kommend die A9 bei der Abfahrt Leibnitz verließ und dann die B67 in Richtung Retzhof nutzte bzw. die B74 in Richtung Schloss Seggau.
Das Parken war unterschiedlich leicht möglich. Beim Retzhof und bei der Ausgrabung waren die Parkplätze gut ausgeschildert, allerdings relativ klein. Dazu waren sie nicht gepflastert, beim vorherrschenden Regenwetter waren sie leider etwas matschig.
Beim Schloss Seggau war das Parken kein Problem, beim Frauenberg war der nächste Parkplatz schon etwas weiter entfernt.
Der Eintritt betrug für mich 10 Euro (Vollpreis) und erlaubte den Eintritt in alle Standorte. Zusätzlich hätte ich auch das Römerdorf bei Wagna (mehr was für Kinder) besuchen können. Erwähnenswert wäre noch eine Kombikarte, die für 16 Euro den Besuch in drei slowenische Museen (Marburg, Cilli, Pettau) ermöglicht hätte. Davon kannte ich aber bereits zwei Museen, so dass ich auf diese Möglichkeit verzichtete.
Die Gastronomie war sehr verschieden ausgeprägt. Im Retzhof und im Schloss Seggau gab es ausgeprägte Restaurants bzw. Cafes. Auf Schloss Seggau genoss ich im Speisesaal der dortigen Bildungseinrichtung ein leckeres Mittagsmahl mit sehr gutem lokalem Wein. Als Spezialität wäre zu erwähnen, dass bei den Getränken Selbstbedienung herrschte. Das ebenfalls vorhandene Cafe probierte ich nicht aus.
Am Frauenberg und bei der Ausgrabung gab es nichts zu essen, ich versorgte mich dafür am Frauenberg bei einem zufällig aufgestellten Maronibrater mit einer Tüte köstlicher Edelkastanien (Maronen).
Die Toiletten waren bis am Standort am Frauenberg ausreichend vorhanden. Im Retzhof gab es einen Lift für die Ausstellungsräume im oberen Stockwerk, im Schloss Seggau habe ich ehrlicherweise nicht so darauf geachtet. Die Ausgrabungen konnte man auch gut von oben betrachten, ohne die Treppen runter steigen zu müssen.
Nachteilig empfand ich nur die längeren Anmarschwege (so um die 3-5 Minuten) von den einzelnen Parkplätzen über zum Teil matschigen Boden.
Die Museumsshops waren sehr verschieden ausgestattet, so dass ich jedem raten würde, alles Interessante sofort zu kaufen und nicht auf den Shop am nächsten Standort zu warten. Das beste historische Bücherangebot hatten die Standorte über der Ausgrabung von Flavia Solva und am Frauenberg.
Im Schloss Retzhof gab es noch zusätzlich die Möglichkeit lokale Spezialitäten zu kaufen. Zum Beispiel knuspriges Bauernbrot, leckere Kürbiskernöle, resche Weine. Also nix typisch römisches, dafür viel saftig Steirisches.
Audio Guide wurden nirgends angeboten. An zwei Standorten nahm ich an einer Führung teil. Diese wurden beide eher bodenständig durchgeführt, die Führerinnen erzählten im breiten steirischen Dialekt „Gschichteln“ aus der Vergangenheit. Ich könnte mir vorstellen, dass sie vor allem für Kinder sehr liebenswürdige Erzählerinnen sind, für historisch Interessierte waren ihre Ausführungen nicht weiterführend.
Die Ausstellung war tatsächlich etwas sehr spezielles. Statt einer Vielzahl von interessanten Fundgegenständen und interessanten Informationen offerierte sie vor allem ein Angebot von interessant eingesetzten Medien und Technologien. Die besonderen Highlights habe ich hoffentlich gut beschrieben, denn nur sie halfen mir über den Eindruck hinweg im Grunde genommen nur wenig Neues erfahren zu haben.
Allerdings muss man auch einräumen, dass Landesausstellungen der gesamten Bevölkerung etwas bieten sollen und nicht nur den Hobbyrömern. Trotzdem hätte ich mir als Steirer einen größeren Bezug zur Steiermark gewünscht. Zum Beispiel, kommt unser steirischer Wein wirklich von den Römern, oder stammt das sagenhaft gute norische Eisen etwa von unserem berühmten steirischen Erzberg? Antworten auf diese Fragen hätten die Ausstellung sicher enorm bereichert…
Weitere Reisenotizen und Links
Wikipedia.de über die
Römer