Im Jänner 2005 besuchte ich im Wien Museum eine Ausstellung über Henri Cartier-Bresson und lernte etwas über den Augenblick in der Fotografie kennen.

Da ich mich selbst sehr für die Fotografie interessierte wollte ich mir besonders die Ausstellung von Henri Cartier-Bresson ansehen, von der man sagte, ihre Fotos fingen die Essenz von Paris ein.

Die Ausstellung begann mit einer kurzen Erklärung des Werkes von Henri Cartier-Bresson in drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Französisch. Die Dreisprachigkeit wurde dann bei allen Erklärungen zum Wirken des Fotografen beibehalten.

Die Erklärungen selbst waren in der Ausstellung eher kurz gehalten, es war also wirklich mehr eine Präsentation seiner Werke als eine Leseübung.

Außer der zuvor erwähnten Einleitung fand ich noch eine Biographie des Künstlers vor, sowie einige eher philosophische Texte über das Wesen des Fotografierens, ganz so wie Henri Cartier-Bresson sein Schaffen gesehen haben wollte.

Neben zwei Modellen der Leica, eine Kamera die Henri Cartier-Bresson verwendete bestand die restliche Ausstellung nur noch aus Bildern, die an den weiß getünchten Wänden eines großen Raumes mit einem Raumteiler in der Mitte platziert waren.

Dadurch waren die Bilder sehr übersichtlich angeordnet, so dass ich sie immer der Wand lang der Reihe nach ansehen konnte. Eine Strukturierung der Bilder konnte ich für mich nicht erkennen. Nahezu alle Bilder zeigten Motive von Paris aus der Zeit von 1930 bis 1970 und sollten wie der Titel der Ausstellung versprach, die Essenz von Paris sein.

Als Bildtitel waren lediglich die Jahreszahl und meistens nur der Ort (Stadtviertel, Straßenname) angegeben. Nur in seltenen Fällen wurde auch angeführt, um welches Ereignis es sich handelte.

Das Ereignis war aber in vielen Fällen selbst erklärend. So fotografierte Henri Cartier-Bresson küssende Pärchen, plaudernde Hausfrauen, springende Hunde, im Gras sitzende Urlauber, spielende Kinder usw.

Das aufregende an diesen Bildern war sehr oft die festgehaltene Bewegung, die Geometrie der Objekte oder eben der springende Punkt eines Ablaufes.

Besonders eindrucksvoll fand ich einen Mann, der eilends durch eine Pfütze rannte und dabei so fotografiert wurde, das er sich in der selben spiegelte.

Oder ein Kind, das in jenem Augenblick im Hofe zwischen mehreren Häuser fotografiert wurde, als es sich im einzigen durch Sonneneinstrahlung gebildeten hellen Mittelteil des Hofes bewegte.

Wie überhaupt viele Bilder von Henri Cartier-Bresson versuchen den Zufall abzubilden. Auf einigen sieht man bekannte Motive von Paris, wo im Hintergrund ein Mann vorbei geht, ein Hund die Straße quert, oder sich etwas anderes bewegt.

Aber es gab auch Bilder wo sich nichts bewegt. Kurios empfand ich ein Bild von einem französischen Gardesoldaten in voller Rüstung, der in einem Gebäude von scheinbar besonderem Rang mit gezogenem Säbel stramm stand. Und das ausgerechnet neben einem Gemälde, wo ein Mann in orientalischer Kleidung ebenfalls mit Säbel ausgerüstet steif in die Runde blickte. Die Frage für mich war, wessen Blick war hier steifer?

Ein ebenfalls zum Schmunzeln einladendes Bild war wohl eine Besuchergruppe, die vor dem Gemälde der legendären Kaiserkrönung Napoleons I fotografiert wurde. Irgendwie hat es Henri Cartier-Bresson geschafft, die Gruppe so abzubilden, das sie förmlich mit dem Bildinhalt verschmolz. Herr und Frau Müller bei der Kaiserkrönung Napoleons sozusagen...

Henri Cartier-Bresson fotografierte aber auch Ereignisse, wo eine nähere Erklärung des Gezeigten sicher vorteilhaft gewesen wäre. So fand ich einige Fotos vom August 1944 vor, jenen Tagen, als Paris durch französische und amerikanische Truppen befreit wurde.

Dieser Befreiung erfolgte in Einklang mit einem Aufstand des französischen Widerstandes einher, an dem sich Henri Cartier-Bresson auch beteiligte, nachdem es im gelang aus deutscher Kriegsgefangenschaft zu entkommen.

Auf einen dieser Fotos sieht man nun Pariser, die um einen feuernden Widerstandskämpfer herumstehen, manche beobachten die Wirkung des Feuers, einer hält sich abgeschreckt die Ohren zu. Ein Bild, das ich 1989 des Öfteren auch in Fotos vom Aufstand in Rumänien gesehen habe. Manche Bilder der Geschichte wiederholen sich eben immer wieder...

Andere Fotos spielen in einer moderneren Zeit, doch zeigen auch sie Kampf und Aufruhr. Es sind Schnappschüsse von Demonstrationen, wo Polizisten und Demonstranten aneinander geraten. Damals trugen die Einsatzkräfte aber noch keine Vollvisierhelme und die Demonstranten noch keine Masken. So zeigen die Fotos sehr deutlich das Mienenspiel der handelnden Personen, während sie rangeln, stoßen und zerren.

Doch es gibt nicht nur Zank und Hader auf den Fotos von Henri Cartier-Bresson. Man sieht Bilder von Liebenden, wie sie sich am Ufer der Seine oder auf Bänken knutschen. Oder sich auch nur verliebt in die Augen sehen.

Man sieht auch zwei Hunde, die gerade kopulieren. Argwöhnisch beobachtet von zwei weiteren Hunden, die sich wie zwei alte Jungfern zu den Beiden umdrehen und sich zu unterhalten scheinen: 'Die jungen Hunde der Rue Montfort treiben es ja schon wieder wie die Karnickel'

Ob nun mit den Fotos wirklich die Essenz von Paris zeigten, kann ich jetzt nicht wirklich sagen. Ich dachte eigentlich während der ganzen Ausstellung mehr über die Bildmotive nach, als über den gesamten Kontext der Ausstellung.

Meiner Meinung nach könnten ein Großteil der Bilder auch wo anders angefertigt worden sein und sind nicht unbedingt typisch für Paris. Bei vielen Bilder bräuchte man auch ein Verständnis dafür was, wie die verschiedenen Ecken Paris heißen und was sie darstellen.

Zum Beispiel, was bedeuten die Les Halles für Paris, oder was sind die Tuillerien? Vielleicht müsste man besser die Geschichte der Orte kennen, um ihre Bedeutung für das Ausstellungsthema besser einschätzen zu können?

Deshalb ging ich auch neugierig in die Filmecke, wo ein ca. 30 Minuten langer Film über das Werk des Fotografen gezeigt wurde ('Biographie eines Augenblicks'). Ich würde jedem empfehlen sich den Film zur Gänze anzusehen, den viele Bilder der Ausstellung kommen in dem Film vor.

Er wurde anlässlich des 95. Geburtstages des Künstlers gedreht. Darin sieht man wie er der Reihe nach verschiedene Fotos aus seinen Mappen präsentiert und mit kurzen oft sehr launigen Worten kommentiert.

Auch kommen Kollegen und eine Schauspielerin zu Wort, die seine Werke beschreiben und gemeinsam zeichnen sie dem Zuschauer ein Bild von der Gedankenwelt des Henri Cartier-Bresson.

Eine Welt, wo seiner Meinung nach der Fotograf kein großen Künstler sein muss, den die Bilder schafft das Leben selbst. Wichtig ist vielmehr mit der Kamera in der Hand den entscheidenden Augenblick abzuwarten und abzudrücken...

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