Da ich mich sehr für Architekturfotografie interessiere und mir dabei auch gerne alte Fotos von längst vergangenen Stadtansichten ansehe war es Mitte Dezember 2005 mal wieder so weit. Ich betrat die Albertina in Wien und besuchte eine Ausstellung über alte Stadtansichten....
... Diese waren im Tiefgeschoss der Albertina untergebracht, das ich über eine Rolltreppe erreichte. Erwartungsfroh betrat ich den ersten Raum, der sich traditionellerweise der Einführung in das Ausstellungsthema widmete. Diese war in Deutsch und Englisch gehalten. Schnell war klar, was mich erwarten würde. Anfang der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Kaiser Franz Joseph den Abriss der Wiener Stadtbefestigung freigegeben. Angesichts der modernen Waffen hatte sie ihren Sinn verloren und stand einer weiteren Entfaltung der Stadt nur im Weg.
Gesagt, getan, man bekannt mit den Abbrucharbeiten. Doch schon damals bedauerten Denkmalschützer den Verlust dieser Bausubstanz und versuchte sie zu dokumentieren. Normalerweise würde man das mit Gemälden tun, aber nun gab es ja auch so ein neumodisches Zeugs, die Fotografie.
So begann man die Wälle, Basteien und Tore der Stadt kurz vor ihrer Schleifung auf Fotoplatten abzubilden. Nun, auf meinem weiteren Weg durch die Ausstellung werde ich diesen Fotos immer wieder begegnen, gemischt aber auch mit anderen Werken, die ab dieser Zeit aus verschiedenen Gründen entstanden. Dabei war es interessant für mich zu erfahren, das die Fotografen damals noch wie Maler dachten, aus ihrer Sicht wurde lediglich eine andere Form der Technik gewählt.
So wurden mir eine kleine Reihe von Werke gezeigt, die auf der Weltausstellung in London präsentiert wurden. Zwar waren dort nur Firmen und keine Staaten eingeladen, doch die österreichische Staatsdruckerei (wohl so ein Mittelding zwischen Staat und Unternehmen) präsentierte sich mit einigen Fotografien der Stadt Wien und fand entsprechende Beachtung.
Im weiteren Verlauf der Ausstellung traf ich auf Lithographien, die auf Basis von Fotografien angefertigt wurden. Eine interessante Kombination wie ich finde. Zuerst wurde das Stadtbild fotografiert und dann wurde von dem Foto eine Lithographie angefertigt. Bei dieser Gelegenheit wurden dann auch die Menschen in das Bild eingefügt. Warum erst dann? Der Grund war einfach: Durch die lange Belichtungszeiten konnte man zwar gut Gebäude fotografieren, aber die Menschen blieben nicht lange genug am selben Platz. Darum tauchten sie auf den Fotos nur als Schatten auf. Ein anderer Grund war wohl aber auch der, das man von den damals hergestellten Daguerreotypien (eine Fototechnologie) keine Abzüge machen konnte, sie also nicht vervielfältigen konnte.
Bezüglich der Probleme mit den Belichtungszeiten machte ich dann interessante Beobachtungen, die mich dann auch den Rest der Ausstellung beschäftigten. Bei jedem Foto achtete ich auf eventuelle Schatten, auf unterschiedliche Schärfen bei eventuell doch abgebildeten Personen (später wurden ja die Belichtungszeiten immer kürzer). Und da gab es schon interessante Erkenntnisse: Vorne sieht man - ziemlich verwaschen - ein paar Bierkutscher ihren Wagen beladen, hinten - eher scharf - eine Reihe Bauarbeiter beim Abbrechen der Wallanlagen. Daraus lernen wir: Brauarbeiter arbeiten schneller als Bauarbeiter. Der Belichtungstest beweist es.... Bevor es Beschwerden hagelt, die unterschiedlichen Abbildungen entstanden deshalb, weil das Wuchten eines Fasses einfach eine schnellere Bewegung ist, als das Abtransportieren des Schutts der Stadtmauern.
Doch zurück zu den Abbruchsarbeiten. Während die Staatsmacht die Abbruchsarbeiten an den großen Basteien von Fotografen ihrer Wahl dokumentieren ließ, griffen private Fotografen nun auch zur Kamera. Sie fotografierten aber nicht nur schöne Tore und prachtvoll verzierte Basteien, nein, sie fotografierten auch die Zustände am Linienwall.
Linienwall? Ja, Wien hatte einen zweiten Wall im Bereich des heutigen Gürtels, der aber im Gegensatz zur Ummauerung des ersten Bezirks mehr als primitiv ausgeführt worden war. Und die Bürger hatten auch keinen großen Respekt vor ihm. Sie nutzten seine Ecken als Müllhalden, pflanzten Obstplantagen an und führten überhaupt ein Leben auf und neben den Mauern. In einem Raum davor gab es übrigens einen interessanten Plan, wo ich die einzelnen Abbrucharbeiten im heutigen Stadtplan von Wien gut einordnen konnte. Dabei fand ich so merkwürdige Gebäudenamen wie die Staatspapierverbrennung vor.
Auch die in dieser Zeit errichteten Kasernen konnte ich gut erkennen. Diese lagen erstaunlich nahe an der inneren Stadt. Auch ein interessantes Zeitdokument: Der Kaiser brauchte keine Mauern mehr gegen die Türkengefahr, doch er brauchte Soldaten in seiner Nähe, um sich gegen die eigenen Bürger zu schützen. Die Revolution von 1848 war noch nicht lange her, auf einem Foto konnte man noch die Schäden an der Augustinerkirche aus jenen Tagen sehen.
Nun, war aber der Wall abgerissen und sowohl der Staat als auch die Bürger begannen auf den freien Plätzen prächtige Gebäude zu bauen. Die Oper, das Rathaus, das Parlament, die neue Hofburg entstanden in dieser Zeit. Und auch die Häuser der reichen Bürger, die sich gerne samt ihrer Häuser fotografieren ließen. Ein Fotograf schaffte es doch glatt 3.000 Fotos von Häuserfassaden zu machen, die man zu einem Teil in dieser Ausstellung sehen konnte. Dokumente für das nun reicher werdende Bürgertum mit all seinen Bürgerhäusern. Bemerkenswert auch die Fotos vom Bau der Votivkirche, nicht oft sieht man Fotos von der Baustelle einer noch im alten Stil gebauten Kirche.
Aber mit dem Fortschritt der Kameratechnologie wurden nicht nur Häuser fotografiert. Das Zeitalter der Momentaufnahmen brach an. Nun war auch die geschickt eingefangene Bewegung oder die Kombination von sich bewegenden Objekten ein Thema für de Fotografen. Auch der Typ des 'Knipsers' entstand. Fotografiert wurde nun nicht mehr zur Dokumentation von etwas Starren. Es wurde einfach alles geknipst was vor die Linse kam.
Auch das Fotografieren von 'Typen' begann. So sah ich den Brezelnmann genauso wie die Honigverkäuferin und den Salamiverkäufer..... Oder das legendäre Kindermädchen in der typischen Kleidung mit dem Kinderwagen unterwegs. Eine reine Augenweide, waren doch diese Menschen ja aus verschiedenen Teilen der Monarchie nach Wien gekommen und gaben in ihren verschiedenen Kleidungen und Typen entsprechend variantenreiche Abbildungen. Auch den Kaiser Franz Joseph entdeckte ich auf dem einen oder anderen Foto.
Damit war ich aber auch schon wieder an das Ende der Ausstellung angelangt. In Erinnerung blieb mir vor allem die sehr interessanten Ansicht der alten Wiener Befestigungen, sowie die Art und Weise wie man an der Schwelle der Fotografie aus einer Kombination von Fotographie und Lithographie die Umwelt zu Dokumentieren gedachte. Für all jene, die diese Fotos lieber persönlich sehen wollen, im Anschluss noch ein paar weiterführende Details:
Die Ausstellung fand im Tiefgeschoss der Albertina statt. Diese lag im ersten Wiener Bezirk in unmittelbarer Nachbarschaft zur Oper und war gleich wie diese erreichbar. Zum Beispiel mit den Straßenbahnlinien D, J, 1 und 2 über die Haltestelle Staatsoper oder über die U-Bahnlinien 1, 2 und 4 über die Haltestelle Karlsplatz.
Der Eintritt betrug für mich 6,50 Euro, da ich über eine Ö1 Klubkarte verfügte. Der Vollpreis hätte 9,00 Euro betragen. Die Karte war übrigens eine Tageskarte und berechtigte zum Besuch von insgesamt vier Ausstellungen im Hause, darunter auch eine sehr interessante Ausstellung über Egon Schiele.
Die Garderobe befand sich im Erdgeschoß und nahm Kleidungsstücke für 0,50 Cent zur Aufbewahrung entgegen. Bei starkem Antrag gibt es noch eine zweite Garderobe im Tiefgeschoss der Albertina.
Das Fotografieren war nicht gestattet. Auch der Gebrauch der Mobiltelefone war nicht erwünscht.
Direkt im Museum befand sich ein Cafe, der Kette Do&Co. Dieses Café war auch ohne Museumsbesuch erreichbar.
Die Toiletten befanden sich zwar auch im Tiefgeschoss, allerdings in einer anderen Ecke des Gebäudes. Die Rolltreppe kann durch die Nutzung eines Aufzuges umgangen werden.
Der Museumsshop bot ein riesiges Angebot über die laufenden und vergangenen Ausstellungen der Albertina. Über die konkrete Fotoausstellung gab es aber nicht soviel. Ich entdeckte ein paar Bücher mit Fotos vom alten Wien, die aber nicht direkt für die Ausstellung aufgelegt wurden. Wer sich für so etwas interessiert, sollte aber auch mit diesen gut bedient sein.
Ein Audio Guide wurde für diese Ausstellung nicht angeboten. Auch über eine konkrete Führung durch diese Ausstellung erlangte ich keine Kenntnis.
Die Ausstellung bot mir zweierlei Genuss: Zum Einen bot sie mir Information über das Wien noch vor dem Abriss der großen Stadtbefestigungen, zum Anderen zeigte sie mir die eine oder andere Anwendung aber auch Problematik der frühen Fotografie auf. Ein interessantes Erlebnis!
Weitere Reisenotizen und Links
Webseite der Albertina
Ausstellung 'Alt-Wien'
Ausstellung 'Wien war anders'