Ich gebe es zu, die Auswahl der von mir besuchten Ausstellungen folgen eigenwilligen Kriterien. Und manche sind nicht wirklich kommunizierbar. So stand ich Ende 2005 mal in beißender Kälte am Wiener Südbahnhof, dachte über den Sinn des Lebens und guter Winterbekleidung nach und entdeckte ein Plakat: 'Frozen'.
Eine Retrospektive über den Fotografen Albert Watson. Ach wie passend, dachte ich mir, irgendwie bin ich auch gerade 'Frozen'.
Anfang Januar war es dann soweit. Bei inzwischen etwas milderen Temperaturen betrat ich das Kunsthaus Wien, wo die Retrospektive gezeigt wurde. Wer war nun dieser Albert Watson?
Er wurde 1942 in Edinburgh und wuchs in Schottland auf. Er studierte am College of Art in London und ging dann 1970 in die USA. Später wurde aus ihm ein sehr bekannter Mode- und Werbefotograf, der aber auch als Fotograf im britischen und marokkanischen Königshaus von sich Reden machte. Dabei hat Albert Watson eine Schwäche, die eigentlich vermuten ließe, er wäre für das Fotografieren nicht wirklich gut geeignet. Er ist auf seinem rechten Auge seit seiner Geburt blind...
Das man aber auch mit einem Auge wunderbare Werke herstellen kann, bewies mir dann aber die Ausstellung. Bereits im ersten Raum gelang es Watson mich mit einem Foto ins Grübeln zu bringen. Gezeigt wurde eine Hand, die einen Revolver umklammert hat. Es war eine Affenhand. Aber ich musste sehr lange gucken, um wirklich einen Unterschied zu einer menschlichen Hand auszumachen. Gewiss, sie war stärker behaart, aber ansonsten? Irgendwie sind uns die Affen doch näher als wir wahrhaben wollen.
Nun gehen wir ein Stück weiter. Watson fotografierte jüngst auch die Umgebung von Las Vegas, wovon ich einige Fotos in der Ausstellung sah. So stand ich vor Fotos die mir die amerikanische Wüste vermischt mit den modernen Infrastrukturbauten von uns Menschen in allen Details zeigte. Wunderbar scharf und genau konnte ich alle Details wahrnehmen und doch übersah ich das Wesentliche, von dem auch der Bildtitel sprach: Ich blickte auf das Ende einer Strasse. Manchmal übersieht man vor lauter Details das Wesentliche. Auch eine Erfahrung.
Das Motiv des nächsten Fotos war aber nicht zu übersehen, war es doch selbst schon eine große Berühmtheit. Es zeigte Alfred Hitchcock mit einer gerupften Gans in der Hand. Nun, jeder weiß wofür Alfred Hitchcock steht, aber mit Tier in der Hand wirkt er noch eine Spur mehr als Meister der Spannung und des Gruselns.
Auf die nächsten Fotos war ich schon neugierig, es waren die in Marokko angefertigten Werke. Watson hatte ja mal einen Fotoband mit dem Titel Maroc herausgebracht und ich war natürlich auf die Fotos gespannt. Nun, ich war ein wenig enttäuscht. Ich erwartete mir großartige Landschaftsaufnahmen. Stattdessen waren es Fotos von Menschen, die aber für sich auch sehr interessant anzusehen waren.
Aber oft ist es ja so, das die persönliche Einstellung des Betrachters über das Seherlebnis entscheidet. Zum Beispiel beim nächsten Bild: Eine Frau hält einen Fächer vor ihre Scham. Ein sehr ästhetisches Bild. Ich überlegte mir, wie es wohl heißen möge, welchen Namen, der Meister dieser Frau zugedacht hat. Nun, das Bild hieß sinngemäß 'Der Aztekische Fächer' Es ging gar nicht um die Frau sondern um den Fächer.... Tja, als Mann guckt man das Ganze ja wieder ganz anders an...
Beim Betrachten der Werke konnte man sich übrigens auf niedrige Bänke oder auf einen Stuhl niederlassen. Das war praktisch, sah aber auch wieder komisch aus. Die Ausstellungsräume waren ohnehin schon sehr atmosphärisch, woran der Dielenboden und die dunkle Decke nicht unwesentlich dazu beitrug. Und nun der einzelne freistehende Stuhl. Man saß einsam auf dem Stuhl und guckte auf Hitchcock mit der Gans. Wenn jetzt einer Foto von mir machen würde, wäre es wahrscheinlich wieder ein Kunstwerk für sich.... Travelwriter auf einem Stuhl sitzend und ein Bild mit Alfred Hitchcock und einer Gans betrachtend...
Aber gehen wir mal weiter in das nächste Stockwerk. Über eine kleine Treppe gelangte ich in eine weitere Ebene des Kunsthauses Wien und stand dort einem reichlich merkwürdigen Foto gegenüber. Watson wollte unbedingt was von Tut-Ench-Amun fotografieren und fotografierte ... einen Handschuh des Pharaos. Nun, von der goldenen Maske gab es ohnehin schon hunderte Bilder, von daher eine interessante Erscheinung. Allerdings beeindruckte mich das Motiv nicht sonderlich.
Da fand ich schon andere Motive spannender. Zum Beispiele fotografierte Watson eine Dame in aufregender erotischer Kleidung gleich mehrmals. Irgendwo habe ich gelesen, dass es eine Domina sein soll. Da aber auf den Bildtiteln nichts davon erwähnt war, blieb es für mich eine Frau in aufregender Kleidung. Auf einem Foto wirkte sie sogar eher wie Batwoman. Sehr erotisch!
Auch die nächsten Fotos waren Damen gewidmet, wobei diese aber nicht immer vorteilhaft heraus kamen. Das lag meiner Meinung nach aber nicht am Fotografen, sondern an den Damen. Der Fotograf schmeichelte ihnen nicht und trotzdem wirkten die Bilder wie fruchtige Leckerbissen, wo man einfach solange hinsehen muss, bis das Auge satt ist.
Jedenfalls empfinde ich das so. Jetzt war es mal Zeit darüber nachzudenken, was die Fotos von Watson so beeindruckend macht. Meiner Meinung nach sind es gar nicht mal so sehr die Motive. Es ist vielmehr sein Umgang mit dem Medium Foto selbst. Er lässt es sich ja nicht nehmen, sie selbst zu entwickeln. Und irgendwie schafft er es durch Bildgröße aber auch Drucktechnik Werke entstehen zu lassen, die den Betrachter förmlich anspringen. Guck mich an! Aber ganz genau! Bei den Bildbeschreibungen waren übrigens die gewählte Drucktechnik angegeben. Und an zwei Stellen der Ausstellung war auch eine kurze Erklärung dieser Drucktechnik angeführt. So konnte ich auch ein wenig lernen wie diese Bilder nun zustande kamen.
Auch unter den anderen Bildern war gar inspirierend und lehrreich zugleich. Zum Beispiel Fotos von einem Affen mit Maske, Fotos von bekannten Stars wie Mick Jagger als Raubkatze oder oder Kate Moss in der Hocke. Fotos von Motels in Amerika mit ihren typischen knalligen Farben an den Außenwänden oder Reklametafeln an den Highways, wo auf einer das Wort 'God' derartig beeindruckend erstrahlte, als wäre es die moderne Version des brennenden Dornbusches.
Im letzten Teil der Ausstellung gab es dann noch einen Film zu sehen. Den habe ich zuerst gar nicht verstanden. Es wurden Fotos von Watson rasch hintereinander gezeigt. Dann kamen kurze Filmsequenzen an die Reihe, die mich stark an Werbung erinnerten. Und dann erinnerte ich mich, davon gelesen zu haben, dass Watson ja auch für die Werbung tätig ist. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich dem Film wieder besser folgen und für mich feststellen ... manchmal ist die Werbung wirklich das Beste am TV Programm ... auf jeden Fall, wenn Albert Watson mitgestaltet.
Aber damit war ich bereits an das Ende der Ausstellung angelangt. Schnell schritt ich die Treppen wieder runter um vielleicht im Museumsshop noch den einen oder anderen Blick in die Fotobände von Albert Watson werfen zu können.
Die Ausstellung hat mir sehr gut gefallen, weil sie mir einen neuen Blick auf das Fotografieren eröffnete. Nicht nur das Motiv und das Fotografieren selbst sind ein Thema, auch das Entwickeln und Darstellen auf dem Medium sind Teil des künstlerischen Akts. Schon dieser Gedanke alleine war für mich diesen Besuch wert.
Weitere Reisenotizen und Links
Webseite des Kunst Haus Wien