In 34 Tagen legte Andreas Altmann die Strecke von Paris nach Berlin zu Fuß zurück. Ausgerüstet mit Rucksack und Schlafsack und nicht ganz 3 Euro in der Tasche. Die Verpflegung und das Geld für den täglichen Kaffee schnorrte er unterwegs zusammen. Was er dabei erlebte, schildert er in seinem Buch '34 Tage - 33 Nächte'.

Ich wandere gerne. Allerdings wandere ich lieber in Städten als quer durch Wald und Flur. Das hat manche Vorteile. Zum Beispiel kann man ein Taxi nehmen, wenn es der Wanderung genug ist. Der Autor Andreas Altmann wählte einen anderen Weg. Er marschierte im Rahmen eines Buchprojektes von Stadt zu Stadt, die Benutzung eines Fahrzeuges war definitiv ausgeschlossen.

Zudem versuchte er diese Strecke, sie führte von Paris nach Berlin,  auch noch ohne eigenem Geld zurück zu legen. Spenden von Mitmenschen und die Einrichtungen der sozialen Wohlfahrt sollten ihm die einzigen Unterstützer sein. Ob so etwas gut gehen kann? Um das raus zu finden, besorgte ich mir sein Buch. Ein Buch, das übrigens mit dem Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis 2005 ausgezeichnet wurde. Seume, ebenfalls ein bekennender Wanderer, wenn auch aus einem anderen Jahrhundert.

Um es kurz zu machen: Ich las das Buch innerhalb zweier Tage. Altmann schrieb sehr flüssig, sehr eingängig. Er gibt keine großen Überblicke über theoretische Dinge, nein, alles was er beschreibt betrifft unsere Grundbedürfnisse. Nichts, was er erzählt, muss erst im Lexikon nachgeschlagen werden, man kennt es einfach. Und falls man die durchquerten Orte nicht kennen sollte, Karten zeigten mir die genaue Route.

Der Autor marschierte auf seinem Weg durch vier Staaten: Frankreich, Belgien, Luxemburg und Deutschland. Und wenn man es so will, durch zwei verschiedene Regionen Deutschlands, dem Westen und dem Osten. Gespannt blätterte ich Seite für Seite durch um zu erfahren, ob es eigentlich Unterschiede gibt, ob man einen Franzosen oder einen Hessen um einen Euro anpumpt.

Den ohne schnorren ging es ja nicht. Nahrung musste täglich aufgetrieben werden. Und nach einigen Kilometern, die ich seitenweise mitmarschierte, war auch für mich klar: Im Grunde genommen reduzieren sich die menschlichen Bedürfnisse wirklich auf Nahrung, Schutz vor Nässe und Kälte und eine störungsfreie Schlafgelegenheit.

Gerade letzteres schien nicht immer zu klappen. Spannend wie der wagemutige Autor seine  Erlebnisse in den diversen Obdachlosenheimen und Scheunen schildert. Spannend auch  zu erfahren worin die Unterschiede bestehen zwischen der Wohlfahrt in Frankreich und in Deutschland, zwischen kommunalen und kirchlichen Wohltätigkeitseinrichtungen.

Zum Beispiel hatte ich bisher keine Ahnung welche Fragen man in solchen Stätten beantworten muss, um ein Bett zu bekommen. Und mit welchen Mengen an Lebensmitteln man ausgestattet wird, wenn man wieder von dannen zieht seinem fernen Ziel entgegen.

Bei seinen Schilderung gab es übrigens immer wieder sich wiederholende Situationen, die entweder dem speziellen Projekt oder der speziellen Lebensart des Autors zuzuschreiben sind. So besuchte er besonders gerne Bäckereien um dort auf clevere Weise seine Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Eine Cleverness, die er erst im Laufe der Zeit entwickelte und an deren Entwicklung ich als Leser Anteil nahm.

Sehr persönlich gehalten fand ich auch seine ständige Kritik an den rasenden Autofahrern, die wohl die größte Gefahrenquelle für ihn darstellten. Musste er doch oft Landstrassen benutzen, wo man für den Fußgänger nicht wirklich einen geschützten Bereich vorgesehen hatte.

Interessant auch die Analyse des Autors, wie man Menschen kategorisieren kann, wenn es darum geht den erbetenen Euro zu verweigern. Da wird über gute und weniger gute Ausreden erzählt, über Leute, die lieber auf einen Kaffee zu Euro 2,50 einladen als eine Euromünze zu spendieren. Und andere, die statt einem Barbetrag, lieber einen ganz Kühlschrankinhalt auftischen.

Auch wenn im Falle des Autors geschwindelt wurde - er brauchte eigentlich das Geld ja nur im Rahmen dieses Projektes - schuf das Buch für mich etwas mehr Verständnis für die Sorgen und Nöte jener Menschen, denen ich täglich auf der Strasse begegne und die mal schnell ne Mark oder nur einen Groschen von mir haben wollen.

So gesehen hat das Buch durchaus eine kleine Veränderung in mir bewirkt. Ich habe gemerkt, dass unter bestimmten Umständen die Farbe der Jacke oder der Preis einer Kinokarte keine Rolle mehr spielt. Sondern nur die Frage, wo bekomme ich wieder etwas zu essen und zu trinken, wie bekomme ich meine Sachen trocken, wo kann ich schlafen, ohne dass ich am nächsten Tag um meinen Rucksack ärmer bin.

Und ich lernte auch ein wenig zu verstehen, warum Menschen auf der Strasse leben, Altmann traf natürlich auf viele echte Obdachlose im Laufe seiner Wanderung und vermittelte mir durch seine Zeilen deren Schicksale. Kurioserweise wurde ich nach Beendigung des Buches noch am selben Tag zweimal um Geld angepumpt. Jetzt ist meine Geldtasche um 2 Euro leichter ... ich muss mir die Absätze mit den Ausreden noch mal durchlesen...

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34 Tage - 33 Nächte
Andreas Altmann
Frederking & Thaler Verlag
ISBN 3-89405-478-6

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