Im Dezember 2007 besuchte ich eine Ausstellung im Wiener Kunsthistorischen Museum, in der das Spätwerk von Tizian thematisiert wurde.

Auf der Webseite zur Ausstellung wurden mir gar wunderbare Dinge versprochen. So soll es neue Erkenntnisse über den Malstil des späten Tizians geben, welche mit Röntgenbildern in der Aufstellung untermauert werten würden.

So was finde ich spannend. Hatte ich doch schon mal im Schaezlerpalais in Augsburg erfahren können, was man mit Röntgenaufnahmen von Gemälden beweisen kann. Also begab ich mich in das Kunsthistorische Museum in Wien.

Die rund 60 Werke, welche zur Hälfte aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museums selbst kamen, wurden im Sonderausstellungsraum des Museums gezeigt. Dieser war diesmal in seiner Mitte leer, was mich zunächst überraschte.

Aber schon bald erkannte ich die Notwendigkeit dafür. Durch die Texte des Audio Guides animiert musste ich mir die Werke Tizians öfters aus der Ferne ansehen. Da würden Stellwände im Raum natürlich stören.

Was hatte es nun mit den Spätwerken auf sich? Einige Vergleiche zeigten mir, das Tizian ursprünglich sehr fein und bunt malte. Und als alter grauer Herr zu eher trüben Farben wechselte, die er oft nur fleckig auftrug.

Alterstarrsinn? Altersdepressionen? Oder starb er gar vor Vollendung von so manchem Kunstwerk, wie manche Kritiker meinten? In der Ausstellung rückte man zur Klärung der Fragen gleich mit modernster Technik an.

So wurden zahlreiche Bilder mit Röntgenstrahlen bzw. Infrarot durchleuchtet. Als Ergebnis bekam man Hinweise, wie nun die Farben und Pinselstriche vom Künstler gesetzt wurden.

So kam es, dass ich in dieser Ausstellung nicht nur die üblichen Informationen über Maler und ihre Werke erhielt. Wer wurde abgebildet? Wer hat es bestellt? Wem gehört es jetzt?

Nein, die Erklärungen auf den Schautafeln und im Audio Guide gingen viel tiefer. Mit Hilfe der Röntgenbilder wurde dargelegt, wie oft der Künstler die Figuren auf der Leinwand malte und übermalte, bis er sich mit dem Ergebnis zufrieden gab.

Woraus man auch messerscharf schloss, wer oft übermalt, muss der Meister gewesen sein. Weil der Kopierer braucht ja nur noch kopieren und war den Mühen des Schaffensprozesses nicht ausgesetzt.

Diese Änderungen nennt man übrigens 'Pendimenti', was aus dem Italienischen kommt und soviel wie 'Reue' bedeutet. Eine sehr sinnreiche Bezeichnung für den Umstand, dass jemand sein eigenes Werk übermalt.

Wofür es verschiedene Gründe gegeben haben mag. Beim Bild, das einen Dogen am Fenster stehend zeigte, stellte man fest, das er ursprünglich saß. Vielleicht gefiel ihm diese sitzende Pose nicht?

Bei den Übermalungen konnte ich in der Ausstellung noch weitere merkwürdige Gegebenheiten erfahren. So gab es zu einigen Motiven mehre Gemälde, wo die übermalten Posen schließlich zur endgültige Pose beim jeweils anderen Bild wurden. Als ob die Abgebildeten heimlich ihre Plätze getauscht hätten.

Bei der Gelegenheit erfuhr ich erstmals, wie es in so einer 'Malerwerkstätte' wirklich zuging. Gemalt wurde hauptsächlich in Auftrag. Gemalt wurde an mehreren Werken gleichzeitig. Und es wurde kopiert.

Während heute eine Dame einer anderen Dame die Haare zerraufen würde, wenn diese im gleichen Kleid auf einer Party erscheinen würde, war es zur Zeit Tizians schick, das gleiche Gemälde wie der Kaiser zuhause zu haben.

Also wurden Bilder mehrfach angefertigt. Eines für den Kaiser, eines für den Dogen und eines für wen auch immer. Beim Bild über die Heilige Magdalena erfuhr ich sogar, dass dieser 'Wer auch immer' gerne das Gemälde früher haben konnte, wenn er mehr zahlte als der Kaiser.

Manchmal waren die Bilder getreue Kopien, manchmal ähnelten sie sich nur scheinbar. Vom Gemälde 'Sacra Conversazione' sah ich zwei Ausgaben. Eines auf Leinwand und eines auf Pappelholz. Auf den ersten Blick zeigten beide Bilder das selbe Motiv. Bis ich entdeckte, das auf einem Gemälde der alte Hieronymus eine Kappe trug....

Scheinbar wurden auch Kopien ein wenig dem Geschmack des Bestellers angepasst. Oder der dargestellten Sache. Als Spanien einen entscheidenden Seesieg gegen die Türken erfocht, veränderte Tizian einfach ein Werk aus der Mythologie und malte dem Neptun einen Turban auf den Kopf. Fertig war der Osmane...

Fertig war ich hiermit auch mit der Ausstellung. Neben der künstlerischen Bereicherung fühlte ich mich diesmal auch um viel Wissen über die damaligen Arbeitsweisen bereichert. Eine sehenswerte Ausstellung über einen Maler, dem Marketing wohl schon damals kein Fremdwort war...

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