Im Juni 2008 besuchte ich wieder eine dieser interessanten Fotoausstellungen im Kunsthaus Wien. Diesmal ging es um den französischen Modefotografen Guy Bourdin.
Nachdem ich im Kunsthaus Wien schon mehrere interessante und inspirierende Fotoausstellungen gesehen hatte, war ich nun auf die Werke von Guy Bourdin besonders neugierig.
Dieser war 1928 in Paris geboren worden und machte sich als Modefotograf einen Namen. Dabei setzte er surrealistische Züge ein und sparte nicht mit Erotik und Anspielungen auf Gewalt.
Na, das klingt ja ja mal interessant. Besonders das mit den surrealistischen Zügen. Allerdings brauchte ich dann doch etwas länger, um mit seinem Stil warm zu werden.
Denn die Fotos im ersten Teil der Ausstellung überraschten mich nicht gerade mit Originalität. Oft waren Schuhe zu sehen, die Modells dazu eher verdeckt und wenig präsent.
Fotos, die wohl aus jener Zeit entstanden, als Bourdin für die Schuhfirma Charles Jourdan die Werbesujets gestaltete. Die Fotos erschienen mir zwar provokant aber wenig inspirierend.
Zweifellos hatte er sich bemüht, die Schuhe in ständig neue Kontexte zu stellen, damit über sie gesprochen wird. Und wenn sie auch so makabre Situationen wie den letzten sichtbaren Rest eines Unfallopfers bildeten.
Erst mit der Zeit begann ich mich an seinen Stil zu gewöhnen und für mich interessante Ideen heraus zu picken. Zum Beispiel, wenn er ein riesiges Flugzeug über den beschuhten Füßen eines Modells aufsteigen lässt.
Im zweiten Teil der Ausstellung gelangte ich zu seinen Frühwerken, die noch nichts mit Mode zu tun hatten. Hier fotografierte er in den Jahren 1950 - 1957 Gegenden in Paris und der Normandie.
Diese Fotos fertigte er in Schwarz-Weiß an und hier gefielen mir vor allem die Strukturen, die er fotografierte. Heruntergekommen Plakatwände zum Beispiel oder einfach Muster am Strand.
Besonders gelungen fand ich einen Karfiol (Blumenkohl) den er über ein Bild mit Pflanzen gelegt hatte, und ihn wie eine Fortsetzung des Bildes wirken ließ. Oder wie er das Licht in einem Wald einfing.
Dann kam ich zu seinen Fotos, die in den Jahren 1978/79 entstanden waren und meine anfängliche Distanz wechselte über zur Begeisterung.
Fotografierte er doch Frauenbeine in edlen Strümpfen so, dass sie mit den Beinen eines Tisches des Rokoko konkurrierten (Eine Konkurrenz, welche in meinen Augen die Frauenbeine gewannen).
Oder jenes Foto wo auf einem einsamen Mast in der Landschaft ein Bild einer Frau angebracht war, so raffiniert fotografiert, dass diese Frau selbst zur einsamen Gestalt in der Landschaft wurde.
Und dann mehrere Bilder, wo er ein konkretes Motiv (natürlich eine schöne Frau) durch ein weiteres Foto abdeckt, dass dieselbe Frau darzustellen schien. Man fragt sich unwillkürlich, sehe ich hier Gegenwart und Vergangenheit gleichzeitig?
Schön langsam näherte ich mich also den surrealistischen Zügen seiner Werke. Besonders aussagekräftig fand ich zwei - natürlich wieder edel beschuhte Frauenbeine - die die Straße überquerten.
Obwohl zwei Beine alleine wenig Sinn machen, konnte ich mir als Betrachter die Frau förmlich vorstellen. Wir neigen ja ohnehin dazu unfertige Situationen fertig zu stellen, was mit dem Bild gut provoziert wurde.
Ein eigener Teil der Ausstellung war den Polaroid Fotos des Künstlers gewidmet. Diese hatte er im Laufe seiner Reisen angefertigt und war hier scheinbar nicht wählerisch.
So wechselten sich Details von Hotelzimmer mit zum Teil sehr erotischen Abbildungen ab. Diesmal waren die Frauenkörper nicht beschuht aber auf den Polaroids leider nur sehr klein zu sehen...
Ein Film in einem kleinen Nebenraum half mir dann noch die Werke von Bourdin besser zu verstehen und seine Fotos auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.
Ich hatte diese Ausstellung etwas schneller durchschritten als die bisherigen Fotoausstellungen im Kunsthaus Wien. Die Fotos von Bourdin hatten mich nicht so gefordert, wie die Werke der anderen ausgestellten Fotografen.
Aber trotzdem fand ich einiges bemerkenswertes unter seinen Werken, der Surrealismus kam gut rüber, und die Atmosphäre im Ausstellungsraum mit seinem dunklen Holzboden war wie immer großartig.
Was mir vielleicht ein wenig gefehlt hatte: Ich hätte die Fotos gerne in den Modezeitschriften selbst gesehen. So dass ich mir die Wirkung auf die damaligen Leser besser vorstellen hätte können.
Denn Guy Bourdin ging bei seinen Werken wirklich total neue Wege und wenn man es nicht in der Themenbeschreibung lesen würde, würde man nicht erraten, dass man es jetzt mit Modefotos zu tun gehabt hatte.
Soviel dazu. Ich gehe mir jetzt Schuhe kaufen...
Weitere Reisenotizen und Links
Webseite des Kunst Haus Wien