Der rote Faden in Hannover

Während meiner Spaziergänge durch Hannover stieß ich schon bald auf eine rote Linie, die sich durch die ganze Stadt zu ziehen schien. Mein Reiseführer wusste Bescheid: Es war eine Markierung, die mich an alle wichtige Sehenswürdigkeiten vorbeiführen würde.

Um die Sache perfekt zu machen ging ich zurück zur Tourismuszentrale, die sich gegenüber vom Hauptbahnhof Hannovers befand. Dort besorgte ich mir einen kleinen Stadtführer – oder besser Fadenführer – und begann meine Reise auf der roten Linie.

Der kleine Führer kostete übrigens 2 Euro und erklärte mir, dass ich auf 4,2 km Länge etwa 32 Stationen erwarten darf. Auf einer kleinen Skizze wurde auch gezeigt, wo der rote Faden sich entlang zieht. Das war auch gut so, denn auf den Gehsteigen war die Linie nicht immer widerspruchsfrei zu erkennen.

Gleich zum Start führte mich der rote Faden in ein Einkaufszentrum, was ich aber verweigerte. Denn ich wollte ja die Stadt sehen und nicht einkaufen. Doch nach diesem Fauxpas führte mich der rote Faden recht manierlich an Sehenswürdigkeiten vorbei. Zum Beispiel an der Oper oder an eine sehr interessante Häuserzeile mit der alten Börse im Tudor Stil.

Bei jeder Station, die auf dem Boden mit einer roten Nummer markiert war, konnte ich im kleinen Fadenführer etwas über das Gesehene lesen. Die Infos waren allerdings sehr kurz gehalten. Aber zumindest halfen sie mir, die Sehenswürdigkeiten rascher zu entdecken, den die rote Linie machte manchmal Kaffeepause und war einfach gerade nicht da.

Scheinbar war in dem Kaffee auch Rum drin, denn merkwürdigerweise verlief die Linie nicht gerade, sondern relativ oft in schlängelnder Form. Aber später kam mir der Gedanke, dass eine exakt gezogene Linie wohl eher als Verkehrszeichen gewertet werden würde und ich so kaum auf sie aufmerksam geworden wäre.

Inzwischen war ich an der alten Stadtmauer von Hannover vorbei gekommen (die ich sonst nie und nimmer entdeckt hätte) und bei der Ruine der Aegidienkirche angelangt. Diese steht als Mahnmal für Opfer aus Kriegen und Gewalt. Ein sehr beeindruckender Bau, wo man im Kirchenschiff wie in einem Hof steht.

Von dort ging es dann in Richtung Neues Rathaus weiter, das plötzlich in seiner ganzen Wuchtigkeit am Ende der roten Linie auftauchte. Hier erlebte ich es wieder einmal, dass sich die Linie gabelte und ich wie der Ochse vor dem neuen Tor glotzte. Aber es führen bekanntlich alle Wege nach Rom und genauso sind alle roten Linien gültig. Scheinbar hatte man hier auch Alternativwege markiert, damit Rollstuhlfahrer nicht die Unterführungen mit Treppen nehmen müssen.

Nach dem Neuen Rathaus und dem Haus mit den 5000 Fenstern (Kestner-Museum) wurde der Faden wieder mein guter Freund, denn er führte mich zu einem sehr schönen Wappenportal, das ich so wohl nicht entdeckt hätte. Es war dem völlig unbeeindruckenden Neubau der städtischen Bauverwaltung vorangestellt und so wohl nicht so leicht zu finden.

Nun ging es weiter in Richtung Leineschloss, vorbei an so tollen Gebäuden wie dem Haus des Hofbaumeisters Georg Ludwig Laves, dem Wangenheimpalais, der Waterloo Säule und dem Staatsarchiv. Georg Ludwig Laves war übrigens ein in Hannover recht aktiver Architekt und er hat auch bei seinem eigenen Haus nicht gespart.

Inzwischen haben sich die Abstände zwischen den Sehenswürdigkeiten mehr und mehr verkleinert, flugs ging es an den Göttinger Sieben vorbei (ein sehr interessantes Denkmal, dessen Bedeutung aber ohne Beschreibung leider nicht im vollen Umfang gedeutet werden kann) und rüber zum hohen Ufer, das aber gar nicht so hoch war. Angeblich leitet sich der Stadtname ‚Hannover‘ von seiner Lage an einem hohen Ufer ab (‚hon overe‘).

Hier waren sie nun alle versammelt, wofür Hannover auch bekannt ist. Das Leineschloss, wo der niedersächsische Landtag seinen Sitz hat. Das historische Museum mit dem Beginenturm, und das Marstalltor, das zwar prächtig aber etwas verloren auf seinem Platz steht. Vom hohen Ufer konnte ich übrigens auch einen Blick auf die ‚Nanas‘ werfen, dralle Figuren, die von der berühmten Künstlerin Niki de St. Phalle entworfen worden sind.

Als Nächstes führte mich der rote Faden am ältesten Bürgerhaus von Hannover vorbei und anschließend ins Viertel rund um die Kreuzkirche mit ihrem Altar von Lucas Cranach. Das Viertel dort ist recht bemerkenswert. Es wurde nach den Bombenschäden des Zweiten Weltkrieges neu aufgebaut aber mehr im Stil einer Vorortsiedlung. So kann man im Zentrum von Hannover statt Fachwerkhäuser schön begrünte Reihenhäuser sehen. Passend auch sein Name: Goldener Winkel.

Aber die Fachwerkhäuser gibt es natürlich auch. Laut meinem Reiseführer hat man die noch vorhandenen Fachwerkhäuser in einer Straße zusammengestellt und damit auch eine Art Idylle geschaffen. Was mich wieder daran erinnert, das in einer Stadt selten was original ist, nur weil es alt aussieht. Auch das alte Leibniz Haus (Gottfried Wilhelm Leibniz war ein berühmter Mathematiker und Philosoph), vor dem ich nun gerade meine Fotos machte, stand vor dem Krieg an einer ganz anderen Stelle.

Leider neigte sich schön langsam der Tag dem Ende zu, die Sonne war schon fast weg, sprich die Fotos wurden auch nicht mehr das, was man als schön bezeichnen konnte. Dabei hätte es noch schöne Fotomotive gegeben. Zum Beispiel die Marktkirche, in der der ‚Deutsche Michel‘ begraben liegt. Der im wahren Leben General war und mit vollen Namen Johann Michael von Obentraut hieß.

Der rote Faden führte mich inzwischen einmal um das alte Rathaus rum, wo er mich auf einen ‚Neidkopf‘ aufmerksam machte. Eine Fratze, die wohl böse Geister abwehren sollte. Dabei fällt mir ein, dass ich auch viele lebende Neidköpfe kenne. Aber die wehren keine bösen Geister ab, die sind sie irgendwie schon selber.

Schön langsam näherte ich mich wieder dem Ausgangspunkt meines langen Rundganges, der inzwischen schon gut zwei Stunden gedauert hatte. Den Weg durch die Markthalle musste ich leider auslassen, da diese geschlossen war. Dafür war ich aber dankbar, dass der rote Faden am Kröpcke vorbei führte, den Standplatz eines sehr bekannten Kaffeehauses in Hannover.

Dort riss mir auch der Faden, ich ließ ihn unbeachtet am Boden weiterlaufen und genehmigte mir einen Kaffee in dem berühmten Kaffeehaus, das inzwischen aber zu Mövenpick gehört. Der Faden selbst verlieft dann ohne meiner Begleitung entlang einer Einkaufsstraße zurück zum Hauptbahnhof, wo er dann beim Tourismusbüro den Kreis schloss.

Bei Kuchen und Kaffee machte ich dann meine abschließenden Notizen. Die Idee, den interessierten Besucher entlang einer Linie zu führen ist wunderbar. Die Auswahl der Sehenswürdigkeiten war gut, leider hat man aber die berühmten Herrenhäuser Gärten oder das bemerkenswerte Hochhaus vom Anzeiger nicht dabei.

Aber das hätte wohl eine zu lange Strecke bedeutet. Im Führer, den man sich schon besorgen sollte, werden aber auch diese Sehenswürdigkeiten erwähnt und man kann sich diese ja auch am nächsten Tag ansehen.