Harry Weber: Das Wien-Projekt

Im April 2007 starb Harry Weber im Alter von 85 Jahren. Gemeinsam mit Inge Morath, Franz Hubmann und Erich Lessing zählte er zu den Meistern der klassischen Fotografie. Im ‚Museum auf Abruf‘ sah ich mir eine Ausstellung mit seinen Werken an.

Ich lernte den Namen Harry Weber erstmals im Zusammenhang mit einer Fotoausstellung zum Thema Ungarn 1956 kennen. Bei dieser wurden Foto von Erich Lessing gezeigt und ich erfuhr, dass auch Harry Weber in jenen Tagen Fotos vom ungarischen Aufstand geschossen hatte.

Doch um diese geschichtliche Periode ging es nicht in dieser Ausstellung, die ich mir im ‚Museum auf Abruf‘ gegenüber dem Wiener Rathaus ansah. Vielmehr ging es um Fotos aus einem Projekt, mit dem sich Harry Weber während seiner letzten Lebensjahre beschäftigte: Fotos von Wien.

Hier stand ich nun im ‚Museum auf Abruf‘, welches im Grunde genommen eine große Ausstellungsfläche im Erdgeschoss eines Hauses gleich neben dem Wiener Rathaus ist. Der Eintritt war frei, umso freier schritt ich auch die Stellwände ab. Gefüllt mit Farbfotografien des Meisters.

Ich betrachtete sie mit zwei Augen. Das eine Auge achtete auf die Art und Weise, wie Harry Weber seine Motive suchte und wie er seine Ideen umsetzte. Das andere Auge versuchte die Ecken zu erkennen, die er da fotografiert hatte. Berühmte Ecken wie der Stephansdom kamen zwar vor, doch der ehemalige Pressefotograf konzentrierte sich mehr auf die unbekannten Ecken Wiens.

Wobei unbekannt relativ ist. Jeder fotografiert den Stephansdom oder das Opernhaus, aber wer fotografiert die Abgänge zu den U-Bahnstationen gleich daneben. Bei einem dieser Abgänge gelang dem Bildkünstler ein Foto von einem dieser blauen Hinweisschilder, die diese Abgänge anzeigen, in einer besonderen Weise. Der Focus des Fotos sorgte dafür, dass das hinweisende Männchen auch dem Schild fast selbst schon in die U-Bahn hinab stieg.

Harry Weber hat es durch seine Einstellungen quasi zum Leben erweckt. Aber auch reale Männchen und Weibchen wurden mit der Linse ertappt. Da steht bei offensichtlichen sonnigen Temperaturen eine Frau am Rand einer staubtrockenen Straße mit einer Schneeschaufel in der Hand und wartet. Auf was sie wartet? Ich tippe mal auf Schnee, aber ich mag mich in diesem Punkt irren.

Kurios ein paar Figuren von Heiligen und Engel, die auf dem Dach einer Kirche stehen. Harry Weber hat sie nicht wie gewohnt von vorne fotografiert, sondern von hinten. Und da sieht man, dass auch die Boten Gottes in der Ausübung ihres Amtes Stütze brauchen. Stütze in Form von zentimeterstarken Eisenstangen.

Das führt mich zu einen der Schwerpunkte seiner Wiener Fotos, von denen er über 30.000 angefertigt haben soll. So sah ich mir einer Reihe von Friedhofsbildern gegenüber. Auch hier nicht das Alltägliche, sondern Grabsteine mit uralten Namen, Grabsteine mit hebräischen Aufschriften und Gräber, die so makaber es klingt, richtig tot wirken.

Anzeichen von Verfall begegne ich auch auf einigen anderen Fotos. bei einem fragte ich mich, ob da nicht getrickst wurde und eines aus amerikanischen Slums eingeschmuggelt wurde. So verkommen wirkten die Mauern und der Müll auf dem Boden. Ich konnte diese Gegend nicht einordnen, obwohl ich die meisten anderen Ecken identifizieren konnte.

Ecken, die mir bisher nie etwas bedeuteten, jetzt haben sie eine Bedeutung. Sie sind auf einem Foto von Harry Weber verewigt und haben somit Geschichte. Und mit dieser Erkenntnis verließ ich das ‚Museum auf Abruf‘ um auf dem Heimweg gleich ein paar dieser Ecken wieder zu sehen.

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