Mogontiacum, das Römische Mainz

Wer mit dem Zug durch Mainz fährt hat die seltene Chance römische Spuren quasi vom Speisewagen aus zu genießen. Seit 1999 wird direkt neben den Bahnsteigen des Südbahnhofs das römische Theater von Mogontiacum freigelegt. Doch das ist längst nicht alles, was man in dieser Stadt am Rhein von Cäsars Landsleuten ausgegraben hat.

Ausgestiegen bin ich dann aber doch am Mainzer Hauptbahnhof, da die InterCity Züge der Deutschen Bundesbahn nicht am kleineren Südbahnhof halten. Für den Besuch des ehemaligen Waffenplatzes am Rhein hatte ich einen Tag einkalkuliert, was sich allerdings schon bald als zu knapp herausstellte. Die meisten römischen Spuren konnte ich zwar besuchen, für die anderen Schönheiten der Stadt wie z.B. die von Marc Chagall gestalteten Fenster in der Kirche vom Heiligen Stephan oder das Gutenberg Museum blieben leider keine Zeit mehr.

Mein  erster Weg führte in das römisch-germanische Zentralmuseum im kurfürstlichen Schloss. Auf diesem Weg kann der interessierte Fotograf gleich zwei schöne Fotomotive mitnehmen, ein von einem Bürger gestifteter Ehrenbogen neben dem Schloss und die Jupitersäule auf dem Rasen vor dem Landtag.

Die Jupitersäule ist allerdings nur eine Nachbildung, das Original steht in mehreren Einzelstücken zerlegt in der Steinhalle des mittelrheinischen Landesmuseums. Dort sieht man auch die spärlichen Reste des überlebensgroß gestalteten Jupiters, konkret ist von ihm nur mehr ein Fuß, ein Finger und ein Blitz erhalten geblieben. Der Fuß allein ist aber schon ein Erlebnis, den er hat zweifellos göttliche Maße.

Das römisch-germanische Zentralmuseum gliedert sich in mehrere Abteilungen, wovon die römische Abteilung nur eine ist. Aus Zeitgründen musste ich mich auf diese beschränken. Dummerweise fiel mir erst am späten Abend nach Lektüre der eingesammelten Faltblätter auf, dass die spätrömische Epoche im frühen Mittelalter abgehandelt wird. Also bitte nicht vergessen auch den Teil im Mittelalter anzugucken.

Besonders gut gefiel mir bei diesem Museum die Darstellung der Kleidung und Uniformen der römischen Bürger und Soldaten aus jener Zeit. Dazu wurden sowohl einprägsame Zeichnungen präsentiert sondern auch viele konkrete Fundstücke bereitgestellt. Nahezu bei jedem rekonstruierten Element wurde angeführt, auf welches Fundstück sich die Rekonstruktion stützt. Ein Mekka für Leute, die Quellen nachrecherchieren. Andere beeindruckende Darstellungen waren Übersichtskarten über Handelswege, aber auch Krisenherde bzw. Religionen im römischen Weltreich. Dazu noch einige spannende Ausstellungstücke über die römische Medizin und Wissenschaft.

Um die Schönheiten in jenem Viertel von Mainz abhaken zu können,  spazierte ich anschließend gleich zum mittelrheinischen Landesmuseum hinüber, dass in den ehemaligen Stallungen des Kurfürstlichen Schlosses untergebracht ist. Hier kann der interessierte Römerfreund zwischen den ehemaligen Pferdegrippen einiges über römische Glas oder über römische Grabsteine lernen. Diesen Steinen ist eine ganze Halle gewidmet und im Gegensatz zu den heutigen Grabmonumenten sind die römischen Exemplare um einiges interessanter. So lernt man verschiedene Berufe, Ränge und Ämter anschaulich in Wort und Bild kennen und erfährt etwas über die verwendete Kleidung und Werkzeugen.

Vom Landesmuseum marschierte ich dann die Theodor Heuss Brücke hinauf, ganz in der Hoffnung, ein gutes Foto vom kurfürstlichen Schloss zu bekommen, was aber leider überhaupt nicht gelang. Ich kann nur sagen, es gibt auf dieser Welt viel zu viele Autos und die Sonne steht grundsätzlich auf der falsche Seite der Fotomotive. Dafür hat man von der Brücke einen gute Blick auf jene Stelle wo sich früher die ehemalige römische Rheinbrücke über den breiten Strom spannte.

Sie lag zirka 30 Meter oberhalb der jetzigen Brücke. Eine Übersicht über die Bauform der Brücke und Fotos von ausgegrabenen und wieder zusammengesetzten Holzrosten sah ich bereits im mittelrheinischen Landesmuseum und so konnte ich das Werk der römischen Pioniere gedanklich gut in den Fluss projizieren. Das von den Römern als Sicherung der Brücke und auch als vorgeschobener Posten im rechtsrheinischen Gebiet angelegte Kastell lebt noch heute im Namen des Ortsteils Mainz-Kastel weiter und wie es der Zufall so will steht an fast der selben Stelle ein ebenfalls sehr kriegerisch wirkendes Bauwerk, das Renduit Museum.

Weniger kriegerisch, dafür umso interessanter, ist ein weiteres Museum ein wenig stromaufwärts: Das Museum für antike Schiffahrt. 1981 waren bei Bauarbeiten für das neue Hilton Hotel Wracks von römischen Booten entdeckt worden. Diese und die daraus abgeleiteten Rekonstruktionen kann man in dem Museum aus nächster Nähe begutachten. Bei dieser Gelegenheit lernte ich nicht nur etwas über die Bauweise von römischen Booten sondern an Hand von übersichtlichen Schautafeln wurden Aufbau und Gliederung der römischen Flotte nähergebracht. Wer immer schon wissen wollte, welcher Verband zur römischen Zeit statt der 7. US Flotte durch das Mittelmeer kreuzte, in Mainz findet er die Antwort dazu.

Besonders lehrreich war das Modell eines Pfeilschleudergeschützes. Die Römer hatten doch tatsächlich ein Geschütz in Verwendung, wo durch einfaches Drehen an einem Handrad die Pfeile nachgeladen und abgefeuert werden konnten. Die Funktionsweise konnte ich an Hand eines bereitgestellten Geschützes ausprobieren, allerdings ohne die brutal aussehenden Eisenpfeilen verwenden zu dürfen. Wahrscheinlich wollte das Museum seine großen Glasflächen, die die Ausstellungstücke in ein wunderbares natürliches Licht tauchen, noch länger unbeschadet behalten.

Und nun war es an der Zeit mal nachzusehen, wie der neueste Stand beim römischen Theater ist. Seit 1999 wird daran wieder gegraben. Der Anblick des Theaters ist leider nicht mit den griechischen Theatern zu vergleichen, die sich irgendwo im Grünen mit tollen Fernblick präsentieren, aber eine Ausgrabung gleich neben einem Bahnsteig hat auch ihre Reize.

Nachdem es mir gelungen war, die Überreste des Theaters ausgerechnet mit einem einfahrenden Zug aus Österreich zu fotografieren, wollte ich mich meinem persönlichen Höhepunkt meiner Mainzer Reise widmen. Dazu muss ich aber etwas ausholen. Als Drusus während der römischen Offensiven gegen die germanischen Völker so unglücklich stürzte, dass er bald darauf starb, entstand ein Kult um diesen großen Feldherrn, der in der Errichtung eines riesigen Kenotaphes im Süden des Legionslagers Mogontiacum mündete. Hier feierten die schwer bewaffneten Legionäre in regelmäßigen Abständen die Erfolge des Drusus und hier wollte ich auch mal stehen, um mal kräftig auf die Schilde zu hauen oder was halt gerade da war.

Der Weg dorthin war allerdings nicht so leicht zu finden, schließlich gelang es mir aber doch, indem ich auf gut Glück durch das Zitadelle von Mainz marschierte und über einen Umweg durchs grüne Gebüsch plötzlich vor einem Turm aus Stein stand: Jener Kenotaph des Drusus, oder auch ganz einfach Eigelstein, Eichelstein oder Drususstein wie ihn der Volksmund immer nannte. Der Turm hat die Form der typischen römischen Ehrenmäler leider schon verloren, war aber noch mächtig genug um nur sehr schwer auf ein Foto zu passen. Nach einem kurzen Gebet an den heldenhaften Drusus (noch mehr Mut, Kraft und Ausdauer für noch mehr Reisen auf den Spuren der Römer) ging es weiter zum ehemaligen Legionslager am Kästrich.

Das einstige große Waffen- und Truppenlager ist ja leider nicht mehr vorhanden, spätantike Frankenstürme und moderner Wohnbau haben da gründlich Arbeit geleistet. Die römische Vergangenheit lebt aber zweifellos in Straßennahmen wie Kästrich, Am Römerlager, Augustusstraße usw. weiter. Die Wohnsiedlung bei den freigelegten Fundamenten des Nordtores fand ich persönlich fast schon interessanter als das Nordtor selbst. Scheinbar, und hier spekuliere ich nur, hat man in der Architektur die römische Vergangenheit einfließen lassen, jedenfalls fand ich dort eine faszinierende Bogenarchitektur mit Blick auf die Stadt Mainz vor, wohl ähnlich wie es vor 2000 Jahren die römischen Landser gehabt haben mögen.

Mit diesem Ausblick endete auch mein Besuch in der ehemaligen Hauptstadt der römischen Provinz Obergermaniens. Vieles konnte ich sehen, einiges blieb unbesehen zurück (Römische Wasserleitung, römische Mauerreste). Ein weiterer Besuch ist also schon vorprogrammiert…