Retrospektive Lucien Clergue in Wien

Im Jänner 2008 besuchte ich eine Retrospektive über den Fotografen Lucien Clergue im Kunsthaus Wien. Rund 200 Fotos erwarteten mich.

Jean Cocteau sagte mal, Lucien Clergue wäre so etwas wie ein Dichter mit einer Kamera. Das klang interessant. Vor allem wie reimt man mit einer Kamera?

Im Rahmen meiner alljährlichen Besuche von Fotoausstellungen wollte ich der Sache auf den Grund gehen. Bisher kannte ich Lucien Clergue nur als Aktfotograf auf Grund einer Aussage von Picasso, einem Freund von ihm.

Picasso bezeichnete Clergues Aktfotografien als vergleichbar mit den Werken der Maler Renoir, Manet oder Velázquez. Zwar konnte ich mir damals nicht vorstellen, wie man überhaupt Fotos mit Gemälden vergleichen könnte, aber umso neugieriger betrat ich nun die Ausstellung.

Diese war wie immer in den beiden Obergeschossen des Kunsthauses Wien untergebracht. Zwei Geschosse, die durch den etwas welligen und knarrenden Boden mir immer das Gefühl gaben, mich auf einem Dachboden zu befinden.

Eine hervorragende Kulisse für die Fotos des Künstlers. Den die ersten Fotos des im Jahre 1934 in Arles geborenen Künstlers wirkten auch ein wenig wie auf dem Dachboden gelagert.

Fotos von den Menschen in der Zeit nach dem Krieg. Kleidung und Material eher einfach. Vieles noch zerstört vom Krieg. Auch der Tod ist öfters auf den Fotos zu sehen. In Form von Vogelgerippe, einem überfahrenen Tier auf der Strasse oder später in einer Serie über tote Stiere.

Einige der Fotos erinnerten mich spontan an Salvator Dali. Zum Beispiel jene Fotos, wo er eine Heuschrecke auf einem Kopf einer Puppe fotografierte. Hatte nicht Dali auch Käfer über Frauenkörper krabbeln lassen?

Nun, meine ganz persönliche Interpretation. Doch Clergue hatte tatsächlich Kontakte zu Surrealisten, wie ich bald darauf feststellte. So dokumentierte er die Dreharbeiten zum Film ‚Das Testament des Orpheus‘ des surrealistischen Schriftstellers Jean Cocteau.

Eines der Fotos gefiel mir besonders gut, wo sich ein Pferdemensch derartig dunkel vom Mauerwerk abhob, dass ich mich fragte, ob das noch normale SW Fotografie wäre.

Ich wechselte über eine Holztreppe eine Etage höher, wo es nun nackte Tatsachen zu sehen gab. Lucien Clergue hatte mal mit nackten Frauenkörpern in Meer (‚Nus de la Mer‘) recht viel Aufmerksamkeit erregt.

Nun sah ich die Fotos mal persönlich. Was mir sofort auffiel: Die abgebildeten Frauenkörper waren formvollendet, aber man sah nirgends das Gesicht der Modells.

Auf einer Tafel erfuhr ich den künstlerischen und den praktischen Grund dieser Posen. Clergue wollte die Frau an sich fotografieren und nicht bestimmte Frauen, die über ihre Gesichter individuelle Züge bekommen hätten.

Und außerdem: Zum Zeitpunkt des Entstehens der Serie stand man der Nacktfotografie noch nicht so offen gegenüber. Da wollten viele Modelle ihr Gesicht lieber verborgen halten.

Hier entdeckte ich auch jenes Foto, das auf den Plakaten der Ausstellung mich schon faszinierte. Nu zébré, der gestreifte Akt. Ein nackter Frauenkörper, der durch das von einer Jalousie gestreifte Licht wunderschön gezeichnet wurde.

Eine glänzende Idee, die der Künstler auch in einer Serie wunderbar variierte, indem er die Breite der Streifen schrittweise veränderte und dadurch immer neue Zebramuster auf die nackte Haut zauberte.

Jetzt verstand ich auch den Spruch mit dem Dichter besser. Man kann mit Licht tatsächlich dichten, wenn man es gezielt einsetzt und die selbst gewählte Komposition von Licht und Objekt ablichtet.

Clergue schien dabei ein gutes Auge für entsprechende Situationen in der Natur zu haben. Während ich bei einer Ausstellung über Henri Cartier-Bresson faszinierende Schnappschüsse von Menschen sah, beeindruckte mich Clergue mehr mit Schnappschüsse aus der freien Natur.

Zum Beispiel in einem Foto, wo er den Schaum auf der Wasseroberfläche eines Brunnens ablichtete. Der Schaum hatte Figuren gebildet, manches erinnerte mich an Ornamente, manches an kleine Männchen, wie von Keith Haring gemalt.

Clergue schien da aber anderer Meinung gewesen zu sein, er nannte das Bild ‚Hommage an Matisse‘. Auch gut, vielleicht malte Matisse auch kleine Männchen…

Eine Abteilung weiter trat ich in die Phase der Farbfotografie des Künstlers ein. Wieder hatte er den Stierkampf als eines seiner Motive gewählt. Bei einem Werk mit dem Titel ‚Mondrian in der Arena‘ musste ich schmunzeln.

Hatte er doch in diesem Foto das Rot in einer Stierkampfarena in einer bemerkenswert rechteckigen Form eingefangen, ganz so, als ob es von dem niederländischen Maler Piet Mondrian gemalt worden wäre.

In diesem Teil der Ausstellung sah ich auch die Überblendungen die Clergue sich ausgedacht hatte.  Fotos von klassischen Gemälden hatte er mit Fotos von seinen nackten Modellen überblendet. So traten diese in Konkurrenz zu den Nackten der klassischen Maler.

Zunächst konnte ich dem Ganzen nichts abgewinnen. Strahlten seine SW Fotos noch eine edle Ruhe aus, wirkte nun alles sehr verwirrend, fast grausam bunt.

Doch auf meiner zweiten Runde durch die Räume entdeckte ich mehr durch Zufall die Lösung. Als ich aus größerer Entfernung einen Lichtstrahl auf einem der Fotos bemerkte, erkannte ich, dass ich seine Werke aus zu großer Nähe betrachtet hatte.

Tatsächlich ging es nun besser. Die Motive der klassischen Gemälde verschmolzen mit den Fotos von Clergue zu einer neuen Einheit und ich erkannte das Geniale an diesen Kompositionen.

Als ich die Ausstellung verließ musste ich wieder über die Worte Picassos nachdenken und über meine Entgegnung, das man Fotos mit Gemälden nicht vergleichen sollte. Eigentlich hatte ich die ganze Zeit genau das getan….

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